Post- und Gepäckwagen 89

Ein Jagsttäler Original von 1900

Titelbild: Wagen M-D 89 frisch gestrichen und mit den meisten Anbauteilen versehen. Mai 2022, Stefan Haag

Mit dem Wagen M-D 89 ist ein besonderes Fahrzeug erhalten geblieben, da es zur Erstausstattung der Jagsttalbahn gehörte. Er ist einer von zwei 1900 durch die Waggonfabrik Görlitz gelieferten Post- und Gepäckwagen, mit denen der Personenverkehr 1901 auf der Strecke aufgenommen wurde. Ausgeliefert wurden sie mit der bis ca. 1930 verwendeten Görlitzer-Gewichtsbremse. Ursprünglich hatte er durch eine Wand getrennt ein Post- und ein Gepäckabteil. In letzterem war auch ein Abort eingebaut. Da es in den Personenwagen der Ursprungsausstattung keine gab, waren die Post-/Gepäckwagen die einzigen Wagen mit Toilette im Zugverband. 1949 baute man in die Trennwand zwischen Post- und Gepäckabteil eine Tür ein und setzte den Wagen fortan nur noch als Gepäckwagen ein. In diesem Zustand wurde er 1971 abgestellt. Um 1987 wurde zwar noch damit begonnen den Wagen für den Museumsbetrieb aufzuarbeiten, wobei die Arbeiten wegen der Betriebseinstellung 1988 nicht abgeschlossen werden konnten.
Das Fahrzeug hat für die Jagsttalbahn eine große historische Bedeutung, da es unser einziges Fahrzeug der Personenzug-Erstausstattung ist. Außerdem befindet sich der Wagen noch beinahe in dem Zustand von 1930 nach dem Einbau der Druckluftbremse.
Passend zu dem Zweck wofür er gebaut wurde, soll der M-D 89 in unserem Museumzug einmal den Transport von „Stückgütern“ wie Kinderwagen und Fahrrädern übernehmen.

Der Zweite an die Jagsttalbahn gelieferte Post-/Gepäckwagen Nr. 88 ist zum Pufferwagen umgebaut ebenfalls noch vorhanden.

Am 19.02.1972 steht der M-D 89 abgestellt in Dörzbach.
Bild: Hans-Georg Sauber

1900: Lieferung des Wagens als Nr. 15 von der Waggonfabrik Görlitz.
1928: Umzeichnung in M-D 89.
1930: Einbau einer Westinghouse-Druckluftbremse statt der bisherigen Görlitzer-Gewichtsbremse.
1931: Einbau einer Blaugasbeleuchtung.
1933: Unfall bei Jagsthausen.
1949: Einbau einer Türe zwischen Gepäck- und Postabteil, dann nur noch Einsatz als Gepäckwagen.
1957: Vollständige Erneuerung des Daches.
1962: Einbau einer elektrischen Beleuchtung.
1971: Abstellung in Dörzbach
2007:Beginn der Aufarbeitung in Widdern bis zum negativen Ausgang des Bürgerentscheids gegen die Wiederinbetriebnahme des Abschnitts Widdern - Jagsthausen
Januar 2021:Transport nach Dörzbach und Aufarbeitung

Aufarbeitung

Der Wagen 89 wurde 2007 von Bieringen nach Widdern transportiert, sodass die dort entstandene Arbeitsgruppe damit anfangen konnte den Wagen aufzuarbeiten. Wie bei Restaurationen von Fahrzeugen üblich begann selbige mit dem Zerlegen des Wagens. 2008 konnte der Wagen mit einem Hebestand angehoben werden, um zum einen die Achsen und das Bremsgestänge zur Überarbeitung auszubauen, zum anderen aber auch um den Rahmen rundum gut neu lackieren zu können. Da die Laufflächen der Radsätze außerhalb der zulässigen Toleranzen waren, mussten diese überdreht werden. Anfang April 2010 konnten diese mit ebenfalls überarbeiteten Achslagern und neuen Schmierpolstern wieder eingebaut werden. Der nun wieder freie Hebestand wurde auch sogleich nach Jagsthausen transportiert, wo er für die Aufarbeitung des Sommerwagens 113 benötigt wurde. Nach dem Einachsen ging es mit der Aufarbeitung von Türen und Fenstern weiter. Außerdem wurden, wo nötig, neue Holzbretter für die Seitenwände zugesägt. Mitte 2011 wurden dann die Seitenwände und das hölzerne Dach überarbeitet und gestrichen. 2013 konnte das neue Blechdach aus Titanzink montiert werden. 
Der Wagen sollte nun für die weitere Komplettierung, aber vor allem zur Überarbeitung und Einstellung des Bremsgestänges, in den Lokschuppen nach Dörzbach gebracht werden. Nur war die dortige Werkstatt mit anderen Fahrzeugprojekten bereits belegt und gut ausgelastet. Anfang 2021 war es endlich soweit und der Wagen 89 wurde per LKW von Widdern nach Dörzbach transportiert.

M-D 89 verlässt per LKW den Bahnhof Widdern und wird zur weiteren Aufarbeitung nach Dörzbach transportiert.

In Dörzbach konnte gleich mit dem weiteren Aufarbeiten der Bremsanlage begonnen werden, welche mit einer vorläufigen Dichtigkeitsprobe inzwischen fertiggestellt wurde. Nachdem auch die Leerrohre für die Elektrik eingebaut waren, konnten zum Jahreswechsel 2021/22 die Bodenbretter eingebaut werden. Seitdem nehmen vor allem die vielen Türen und Fenster viel Zeit in Anspruch. Schließlich sind zusätzlich zu den drei Fenstern, ganze acht Türen (Die Türen zum Postabteil sind zweiflügelig) mit sämtlichen Beschlagteilen anzupassen und zu montieren.

Da weder Türen noch Wagenkasten besonders gerade sind und weil wegen des schlechten Zustands beim Ausbau keine genauen Maße ermittelt wurden, musste an den Türen viel angepasst werden.

Zur Eröffnungsfeier im Mai 2022 ist bereits ein großteil der Arbeiten erledigt. Alle Türen sind eingebaut, der Wagenkasten ist von außen gestrichen und die meisten Anbauteile sind angebaut. Auch der inzwischen eingebaute Boden wurde im Mai geölt.

Bis zur Abnahme der Hauptuntersuchung werden zwar noch einige Arbeiten zu erledigen sein, aber schon jetzt können wir mit diesem Wagen ein besonderes Fahrzeug präsentieren.